Dieser Text ist Teil der Serie „Der LWL vor 50 Jahren“, in der die Auszubildenden zum/zur Fachangestellten für Medien und Informationsdienste (FaMI) – Fachrichtung Archiv des LWL-Archivamtes für Westfalen Einblicke in die Geschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) geben.
Mitte der 1960er Jahre bestand im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) ein erheblicher Mangel an geeigneten Krankenhausplätzen, die zudem häufig nicht den aktuellen wissenschaftlichen Standards und therapeutischen Anforderungen entsprachen. Vor diesem Hintergrund entschloss sich der Landschaftsverband im Jahre 1965 zum Bau einer neuen Klinik für Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 18 Jahren. Als Leiter wurde im selben Jahr Dr. Egon Machetanz berufen, welcher zuvor als Abteilungsleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Abteilung an der Universitäts-Nervenklinik Münster tätig gewesen war. Dort hatte er 1962 bereits die KJP-Abteilung mit aufgebaut und konnte so mit seinen bisherigen Erfahrungen maßgeblich an der Konzeption der neuen Einrichtung mitwirken.
Bereits im Jahr 1966 erwarb der Landschaftsverband Westfalen das “Haardheim”, eine ehemalige Tuberkuloseheilstätte zwischen Haltern und Marl-Sinsen. Nach dem Umbau des Hauptgebäudes konnte das Krankenhaus als die dritte jugendpsychiatrische Einrichtung des LWL nach Marsberg und Hamm ihren Betrieb mit gerade mal 70 Betten aufnehmen. Dies stellte jedoch lediglich

den ersten Schritt dar, da auf dem rund 31 Hektar großen Gelände eine modellhafte Einrichtung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie entstehen sollte. Der Bau begann 1968 und dauerte bis 1976 an. In diesem Jahr wurden mit der Kirche und dem Reitstall die letzten Gebäude fertiggestellt.
Während des Baus entstanden 18 Gebäudekomplexe, die in vier Bereiche eingeteilt waren: Kranken-, Sozial-, Wissenschafts- und Wohnbereich. Im Krankenbereich befanden sich unter anderem die Ambulanz, das Akutkrankenhaus und die psychosomatische Abteilung. Zum Sozialbereich gehörten beispielsweise das Sozialzentrum mit Festsaal und Kegelbahn, der Friseursalon sowie die Reithalle. Der Wissenschaftsbereich mit seinen diversen Laboren war nach dem Umbau vor allem im alten Haardheim untergebracht. Laut dem Bericht eines psychiatrischen Sachverständigen des Landes wurde das Westfälische Landeskrankenhaus in der Haard als eine modellhafte Einrichtung bewertet. Mit Gesamtkosten von 47 Millionen Mark stellte das Bauprojekt für den LWL aufgrund seiner soliden finanziellen Lage keine außergewöhnliche Belastung dar.
Die Einweihung am 8.11.1976 begann mit der Begrüßung durch den Landesrat des LWL, Wolf-Dieter Schrader, im neuerrichteten Festsaal des Krankenhauses. Es folgten Vorträge über den Themenkomplex ‘Die Versorgungskette zur Prophylaxe und Frühbehandlung kindlicher Hirnschäden’ von Dr. Egon Machetanz, Direktor des Westfälischen Landeskrankenhauses in der Haard, Dr. Helmut Hünnekens, Direktor des Westfälischen Instituts für Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik Hamm, und Prof. Dr. Karl Mietens, Direktor der Westfälischen Landeskinderklinik Bochum. Anschließend fanden weitere Kurzvorträge und Fachgespräche statt. Die Veranstaltung endete mit einem gemeinsamen Rundgang über das Gelände, bei welchem mit exemplarischen Aktivitäten die tägliche Arbeit der Klinik präsentiert wurde. Ebenfalls anwesend war der damalige Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Prof. Dr. Friedhelm Farthmann.

In einem Bericht vom 9.11.1976 erklärte die Recklinghäuser Zeitung, dass die Bürger des Kreises über den Festakt überrascht waren, da “[…] während seiner zehnjährigen Entstehungs- und Bauzeit [das Haardheim] so fest in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist, dass sich jeder wundert, wieso eine derart vertraute und dazugehörige Einrichtung eingeweiht werden muss”. Diese Verbundenheit entstand daher, dass Leiter Machetanz von Anfang an die ‘sonst übliche’ Distanz zwischen Bevölkerung und Krankenhaus vermied. Durch eine bewusst offene Haltung, öffentliche Besichtigungen und transparente Strukturen sollte die Klinik im öffentlichen Bewusstsein gestärkt werden und den bestehenden Stigmatisierungen gegenüber der Kinder- und Jugendpsychiatrie entgegenwirken.
geschrieben von Ronja Moj
Quellen:
LWL-Archivamt für Westfalen, Archiv LWL, Best. 115/194
LWL-Archivamt für Westfalen, Archiv LWL, Best. 115/1120
LWL-Archivamt für Westfalen, Archiv LWL, Best. 666/98
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rmoj (12. Mai 2026). LWL vor 50 Jahren – Einweihung einer modellhaften Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Haard. archivamtblog. Abgerufen am 16. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/167g4