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Bereit für eine Zeitreise? Die neue Heimat Hamm App ist da!

von Franziska Rohloff

Einleitung

800 Jahre – ein Jubiläum, das in vielen Städten klassischerweise mit einer fundierten Chronik oder einem repräsentativen Bildband gewürdigt wird. Das Stadtarchiv Hamm wählt gemeinsam mit anderen beteiligten Ämtern der Stadtverwaltung für diesen besonderen Stadtgeburtstag jedoch einen ergänzenden, neuen Weg. Ab sofort wird die Stadtgeschichte auf dem Smartphone lebendig: Eine kostenfreie App für Android und iOS – von der Stadt Hamm im Zusammenspiel mit dem Dienstleister Wezit GmbH entwickelt – lädt Bürger:innen und Besucher:innen zu einer digitalen Zeitreise durch die Innenstadt ein. Über Augmented Reality (AR) verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart direkt auf dem Display. Gefördert durch die Heimatförderung des Landes NRW, verfolgt das Gemeinschaftsprojekt das Ziel, die Historie möglichst barrierearm zu vermitteln, breite Zielgruppen anzusprechen und auch Schulklassen – etwa bei Wandertagen oder Exkursionen – zu begeistern. Doch so spielerisch die bunten AR-Effekte beim virtuellen Stadtrundgang auch wirken: Dahinter steckt kein reines Unterhaltungsprodukt. Wie viel echte Archivarbeit, historische Tiefenschärfe und redaktioneller Gedankenschmalz stecken eigentlich hinter den Kulissen dieser Zeitreise auf dem Smartphone?

1. Das Konzept: Stadtgeschichte als interaktives Entdeckerspiel

Der virtuelle Rundgang führt quer durch die Hammer Innenstadt und dauert insgesamt etwa zwei Stunden, wobei die Reihenfolge der Stationen frei wählbar ist. Um dieses Erlebnis möglichst vielen Menschen nahezubringen, lag das Hauptaugenmerk von Anfang an auf einer individuellen Zielgruppenansprache und einer spürbaren Barrierearmut. Drei spezifische Leitavatare nehmen die Nutzer:innen an die Hand und sprechen unterschiedliche Alters- und Interessengruppen gezielt an – wobei einer dieser Avatare eine eigene Kindertour anführt, die das jüngere Publikum spielerisch begeistert. Inklusion wird dabei großgeschrieben: Die Inhalte sind unter anderem durch Leichte Sprache oder Audiodeskriptionen bewusst barrierearm aufbereitet. Die Navigation passt sich an und schlägt über einen speziellen Modus bei Bedarf gezielt barrierearme Wege durch die Stadt vor. Als vollständig kostenfreies Angebot ist die Zeitreise zudem für jede:n ohne finanzielle Hürden frei zugänglich und steht für internationale Gäste komplett auf Englisch zur Verfügung.

Doch wie genau kommen Nutzer:innen nun hinein in die Geschichte? Der Weg führt über die direkte Interaktion im Stadtraum: An jeder Station wird ein Marker auf dem Boden gescannt, woraufhin sich auf dem Smartphonebildschirm ein Augmented-Reality-Tor öffnet. Nun ist physische Bewegung gefragt – denn erst mit einem echten Schritt durch das Tor hindurch öffnet sich der Raum mitten in der Vergangenheit. Dort angekommen, warten Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten der Stadt. An den Ringanlagen erklärt beispielsweise der ehemalige Stadtbaurat Otto Krafft persönlich, wie er einst das Grün in die Innenstadt gebracht hat. Flankiert werden diese Begegnungen von detailreichen 3D-Modellen, historischen Foto-Bühnenbildern und einem virtuellen Drohnenflug über die alte Stadtmauer, die die Stadtgeschichte zum Greifen nah machen.

Weil Hamm die familienfreundlichste Kommune Deutschlands werden will, wurde die historische Reise auch mit ganz praktischem Alltagsnutzen verknüpft. Wer aufmerksam durch die Stadt streift, sieht auf fast jeder Stationsseite, wo sich die nächste öffentliche Toilette befindet, wo man kostenlos Wasser nachfüllen kann oder wo der nächste Wickelraum erreichbar ist. Neben diesen handfesten Vorteilen für den Familienausflug oder den Wandertag liefert die App gleichzeitig reichlich echtes historisches Quellenmaterial für den Schulunterricht oder das Nachlesen zu Hause.

Für den zusätzlichen Motivationsschub sorgt schließlich ein zweifacher Gamification-Ansatz, der Entdeckergeist und Spielspaß miteinander verbindet. Beim Sammelspiel gilt es, an jeder historischen Station ein digitales 3D-Objekt einzupacken – dabei handelt es sich um echte Exponate aus dem Gustav-Lübcke-Museum. Am Stunikenhaus wartet zum Beispiel ein lederner Wassereimer als Gruß des damaligen Eigentümers und Oberbrandmeisters darauf, im virtuellen Rucksack verstaut zu werden. Wer alle elf Objekte sammelt, schaltet als Belohnung die finale Überraschungsstation frei. Abgerundet wird die Tour durch kurzweilige Minispiele an jeder einzelnen Station. Ob es darum geht, virtuelle Brände zu löschen, mit einer mittelalterlichen Marktfrau um Preise zu feilschen oder die Höhe von Hammer Wahrzeichen zu schätzen – die Geschichte der Stadt spielerisch zu erkunden, macht einfach extrem viel Spaß.

2. Die Quellen als Fundament: Archivarbeit hinter den Kulissen

Im Gegensatz zu manchen Nachbarstädten wie Soest, deren historische Archivbestände die Zeiten überdauert haben, wurde das Hammer Stadtarchiv im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe vollständig vernichtet. Fast alle erhaltenen schriftlichen Zeugnisse der archivischen Überlieferung stammen erst aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Unter solchen Bedingungen einen repräsentativen Querschnitt aus 800 Jahren Stadtgeschichte zu rekonstruieren, stellte das Projektteam unter Leitung des Stadtarchivs vor eine methodische Herausforderung.

Die Antwort des Projektteams auf diese Herausforderung lautet: absolute Authentizität und gleichzeitig ‚Mut zur Lücke‘. Wo immer es möglich war, wurden originale Quellen und Objekte aus der eigenen Stadt sowie aus den verbliebenen Restbeständen des Stadtarchivs und des Gustav-Lübcke-Museums herangezogen. Dieser konsequente lokale Bezug stellt sicher, dass die Darstellungen trotz aller historischen Brüche tief in der echten Stadtgeschichte verwurzelt bleiben.

Besonders kompliziert wurde es bei älteren, längst aus dem Stadtbild verschwundenen Bauwerken wie der mittelalterlichen Stadtburg. Hier musste das Projektteam auf zeichnerische Darstellungen aus der Epoche des Historismus zurückgreifen. Da diese Stiche die Realität oft stark idealisierend wiedergeben, sind sie historisch mit Vorsicht zu genießen. Vor diesem Hintergrund fiel eine bewusste Entscheidung: Lückenhafte Überlieferungen wurden in der App nicht spekulativ oder fantasievoll aufgefüllt. Stattdessen geht das Projekt vollkommen transparent mit Leerstellen und dem historischen Nicht-Wissen um. Entsprechende Hinweise in den Texten oder direkt in den visuellen Rekonstruktionen machen diese Unsicherheiten für die Nutzer:innen sichtbar. Genau diese wissenschaftliche Ehrlichkeit unterscheidet die App von einem reinen Gaming-Produkt und verleiht der digitalen Zeitreise ihren echten historischen Tiefgang.

3. Technischer Kraftakt: Komplexe AR-Technologie für draußen, schonend für den Speicherplatz

Für die Stadtverwaltung war die Entwicklung dieser App absolutes Neuland. Das Projektteam stand vor der Aufgabe, einen extremen Spagat zu meistern: Auf der einen Seite sollte eine hochkomplexe Augmented-Reality-Technik im Außenbereich stabil funktionieren. Auf der anderen Seite galt es, eine konsequente Barrierearmut zu garantieren und gleichzeitig die berechtigte Frage zu lösen: Sprengt diese Datenmenge nicht eigentlich den Speicherplatz auf den Smartphones der Nutzer:innen? In enger Zusammenarbeit mit dem Dienstleister wurden dafür passgenaue Lösungen gesucht und erfolgreich umgesetzt.

Um die Stabilität der visuellen Erlebnisse im Stadtraum zu sichern, wurde die Anwendung als native App entwickelt. Dieser Ansatz stellt sicher, dass die digitalen Tore draußen auf der Straße präzise verankert bleiben. Zudem garantiert diese native Entwicklung ein hohes Qualitätsniveau der AR-Elemente bei der Darstellung auf dem Bildschirm.

Weiter wurde sichergestellt, dass die App die Speicherkapazitäten der Mobilgeräte nicht überlastet. Durch eine modulare Architektur arbeitet das System ressourcenschonend: Nutzer:innen laden sich flexibel nur die Tour herunter, die sie auch wirklich gehen möchten. Das funktioniert entspannt und schnell über das heimische WLAN oder direkt über die mobilen Daten in der City.

Die Technik im Hintergrund war somit ein echter Kraftakt – das Ergebnis auf dem Bildschirm ist hingegen kinderleicht zu bedienen.

4. Fazit und Ausblick

Die neue App zeigt, wie zeitgemäße Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter aussehen kann. Durch das Zusammenspiel aus archivischer Vorrecherche, intensiver Konzeptarbeit und passgenauer Technik ist ein Angebot entstanden, das Barrieren abbaut und Geschichte für verschiedene Generationen im städtischen Alltag zugänglich macht. Ob beim Familienausflug, beim Wandertag mit der Schulklasse oder beim Spaziergang durch die Innenstadt: Die App bietet eine zeitgemäße Ergänzung zu den klassischen Jubiläumsangeboten.

Uns war wichtig zu zeigen, dass sich historische Genauigkeit und spielerischer Spaß keineswegs ausschließen müssen. Dank der transparenten Aufbereitung und des Mutes, historische Lücken ehrlich zu benennen, bleibt die Anwendung trotz der modernen AR-Effekte ein verlässlicher, authentischer Wegweiser durch die Hammer Stadtgeschichte.

Die App steht ab sofort kostenfrei für Android und iOS in den jeweiligen Stores zum Download bereit.
Schnappen Sie sich Ihr Smartphone, halten Sie in der Hammer Innenstadt Ausschau nach den Bodenmarkern und probieren Sie die digitale Zeitreise einfach selbst aus!

 


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
LG (13. Juli 2026). Bereit für eine Zeitreise? Die neue Heimat Hamm App ist da! archivamtblog. Abgerufen am 15. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16kja


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